Was kann ich tun? Infoabend zum Germanwatch Hand Print

Das Konzept des ökologischen Fußabdrucks ist wahrscheinlich den meisten Menschen aus der Nachhaltigkeits-Community bekannt. Und genau so bekannt ist, dass wir schon ziemlich viel Wissen davon haben, wie wir unser Verhalten und die sozio-politischen Strukturen ändern könnten, um die Große Transformation zur Nachhaltigkeit anzustoßen und umzusetzen. Aber doch passiert überraschend wenig. Was für ein Dilemma!!!

Ein Ansatz, der versucht die Verzichtsrethorik des Ökologischen Fußabdrucks zu überkommen und Menschen befähigen soll sich tatsächlich für eine Grpße Transformation zu engagieren, ist der Hand Print (Handabdruck), der in Deutschland momentan von der Nichtregierungsorganisation (NRO) Germanwatch verbreitet wird. Daher nutzten wir von der IfN die Gelegenheit, um Alex Reif, Referent für Bildung und nachhaltige Entwicklung bei Germanwatch, nach Essen in den Freiraum Weberplatz einzuladen, um das Konzept vorzustellen.

Viele Interessierte aus Essen und der Region hatten sich für den Abend im Vorfeld angemeldet. Und trotz regnerischem Herbststürmen und grassierender Erkältungswelle sind immerhin ca. 15 Personen am 30. Oktober 2018 auch im Freiraum Weberplatz erschienen, um sich den Vortrag von Alex anzuhören und vor allem mit ihm gemeinsam zu diskutieren.

Heute und in Zukunft niemandem schaden!

Germanwatch ist als NRO vielleicht nicht allen bekannt, da sie im Vergleich zu NABU, Brot für die Welt oder abgeordnetenwatch nicht direkt in und mit der deutschen Öffentlichkeit tätig ist.  Germanwatch hat den Fokus auf Strukturen im Globalen Norden, lenkt den Blick aber auf weltweite Auswirkungen und insbesondere auf verletzliche Strukturen und Menschen im Globalen Süden. Dabei hat sie das Ziel einer Transformation zur Nachhaltigkeit, also Zukunftsfähigkeit wie sie auch die IfN vertritt.  Kurz gesagt bedeutet dies „Heute und in Zukunft niemandem schaden“. Leitplanken bilden hier die ökologische Mitwelt (die planetaren Grenzen) und unsere Mitmenschen (Einhaltung der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit).

Wer soll aber aktiv werden, um das zu erreichen? Hier einige populäre Antworten:

  • Die Politik soll den Rahmen setzen.
  • Die Wirtschaft muss sich bewegen.
  • Ich muss meine eigenen Lebensstile uns Konsummuster ändern.
  • Wir brauchen einen radikalen, notfalls erzwungenen Systemwechsel.
  • Wir brauchen eine gemeinsam getragenen und gestaltete Transformation.

Sicherlich ist der letzte Punkt einer, den die meisten Menschen, die sich mit der Zukunftsfähigkeit unserer Lebensweisen auseinandersetzen, favorisieren. Doch was kann ich persönlich tun, um dazu beizutragen?

  • Vorbild für andere sein, eigene Konsummuster verändern.
  • Mich in der Politik engagieren.
  • Meine Handlungsroutinen hinterfragen.
  • Selber nachhaltige Produkte herstellen (Putzmittel, Kosmetika) und davon anderen erzählen.
  • Dort einklinken, wo andere schon aktiv sind  (und so „Resonanz erzeugen“ wie eine Teilnehmerin sagte).

Unsere CO2-Erbschuld

Ein beliebtes Tool in diesem Zusammenhang ist die Berechnung des eigenen ökologischen Fußabdrucks. Dabei berechne ich statistischen CO2-Verbrauch für Alltagshandlungen: von der Heizung meiner Wohnung, über den Weg zur Arbeit und das Abendessen bis hin zum Jahresurlaub. Ich finde dabei heraus, wo ich beim „Verbrauch“ von CO2 stehe und ich sehe, wo andere mit ihrem Lebensstil, z.B. in Gambia stehen. Ich erhalten nun einen direkten und emotionalen Bezug zum Abstrakten CO2-Ausstoß und zur klimapolitische Diskussion um die 2-Grad-Grenze. Der ökologische Fußabdruck zeigt, was westlicher Lebensstil in Zahlen (CO2) ausgedrückt bedeutet. Problematisch dabei ist, dass die öffentliche Debatte darüber schnell in eine Verzichtsrethorik abdriftet, denn in Mitteleuropa leben wir durch den hochtechnisierten Lebensstil und der hohen verfügbaren Einkommen in einer „CO2-Erbschuld“.

Das zusätzlich verzwickte an der Sache ist: Menschen, die am meisten über das Thema wissen, haben auch den höchsten CO2-Fußabdruck, wie eine Studie des Umweltbundesamt jüngst wieder bestätigte. Und Oxfam publizierte vor einigen Jahren die Ergebnisse einer Studie, dass die reichsten 10% der Menschheit  in ihrem privaten Konsum 50% der globalen THG verursachen. Daher müssen sich ganz bestimmte Menschen ganz gewaltig bewegen.

Und ja, diese Menschen sind auch wir, ich, der gerade diesen Artikel schreibt, Menschen, die beim Infoabend waren, Menschen, die sich für eine zukunftsfähige Entwicklung engagieren. Generell verursachen statistisch gesehen gut gebildete Menschen, und damit in der Regel auch finanziell besser ausgestattete Menschen, am meisten CO2-Emissionen. Wohnen und Mobilität sind die Bereiche, wo wir CO2-mäßig durch die Decke gehen. Kurz gesagt: Menschen, die mehr Geld haben, können damit mehr Quatsch machen. Ich ernähre mich vegetarisch und fahre immer mit dem Fahrrad zur Arbeit, aber das jährliche Yoga-Retrat auf Bali möchte ich nicht missen, genauso wie die Reise zu meinen Freund*innen in Kalifornien? Großer CO2-Fail!!!

„Wenn man denk es reicht nicht, hat man schon verloren!“

Diese Äußerung regte zur Diskussion an. Es wurde bestätigt, dass die kollektive Änderung eine Sisiphos-Arbeit sei, aber man immer wieder jungen Menschen begegenet, die sagen „Ich will es anders machen“. Eingewendet wurde auch, dass das Prinzip „Viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten können wie Welt ändern“, schon wirkungsvoll ist. „Wenn man denk es reicht nicht, dann hat man in dem Feld schon verloren“ war ebenfalls ein Appell. Kritisch hingewiesen hat eine junge Zuhörerin aber auch, dass wir an dem Abend und auch in unserem alltäglichen Umfeld in einer Blase unterwegs sind, in der die meisten Menschen ähnlich denken und handeln wie wir selber.

Warum klappt es nicht?

„Wissen ist nicht gleich Sensibilisierung. Es hat auch mit Emotionen und Wissen zu tun“, „Am besten Umdenken funktioniert in Krisen“. Aber wir stecken in einer handfesten Krise, doch sie wird hier nicht als solche wahrgenommen.  Ernst Ulrich von Weizäcker spricht in dem Zusammenhang von der „schiefen Ebene“: nachhaltige Konsumentscheidungen müssten der Standard sein, sind sie aber nicht, denn meist sind sie:

  • teuer (Kostennachteil),
  • schwierig (Komplexität),
  • uncool (soziale Akzeptanz),
  • was sonst (verfügbare Alternativen),
  • is halt so (alte Rahmenbedingungen),
  • mach ich schon (Schieflage der eigenen Wahrnehmung),
  • bla bla (herausfordernde Kommunikation).

Es geht nicht nur darum Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, sondern es geht vor allem darum, sie zu ermutigen sich zu bewegen. Und diese Ermutigung findet nicht statt, denn es fehlt uns schon in jungen Jahren an gesellschaftlichen Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten.

Wandel mit Hand und Fuß

Das ist der Punkt, an dem der Hand Print ansetzt. Der Handprint ist komplementär zum Fußabdruck zu sehen: Vergrößere deinen Handabdruck und verringere deinen Fußabdruck. Also, die Flugreise nach Bali bleibt unter den momentanen Gegebenheiten eine schlechte Option für die Zukunftsfähigkeit der Erdenbewohner*innen.

Das Konzept des Hand Prints ist offen, es gibt keine Checkliste, die ich abarbeiten kann und es wird hier auch nicht das Kreuzchen bei einer Wahl in CO2-Kompensation umgerechnet. Es soll vielmehr dazu ermutigen sich stärker für die Große Transformation einzusetzen, die Nachhaltigkeit zur Standardoption werden zu lassen. Und das hat ganz viel mit Lernen zu tun, z.B. Lernen zu verstehen, was es heißt, was ein politisches Argument ist, das  ankommt. Die politischen Rahmenbedingungen zur Förderung des Fahrradfahrens und zur Begrenzung des Autoverkehrs können nicht alleine von zivilgesellschaftlichen Akteuren geändert werden. Hier ist es notwendig kreative Kooperationen einzugehen, gemeinsame Ziele mit anderen Akteuren zu formuliere. So können hier nicht nur der ADFC, sondern auch Krankenkasse oder große Wirtschaftsunternehmen, sogar die Automobilindustrie gemeinsam gegenüber der Regierung auftreten.

Mit dem Handprint soll nicht jeder überzeugt werden etwas zu tun, sondern die, die etwas machen wollen und nicht wissen wie und wo sie das erfolgreich machen können. Der Handprint setzt auch gar nicht prinzipiell an der persönlichen Ebene an, sondern schaut auf verschiedenen Wirkungsebenen; nach dem Motto „Aktionskreis erweitern, Verbündete suchen, Strukturen verändern“. Der Ansatz des Handprints gehört damit in die Bildungsarbeit integriert, um bei möglichst vielen Menschen die Kompetenzentwicklung für die Transformation zu stimulieren.

Wo ist mein Schalthebel?

Ok, zugegeben, das hört sich alles gut an, doch bleibt es hinreichend schwammig. Wie kann jetzt doch wieder ICH als Engagierte in meiner NGO, als Lehrer an einem Berufskolleg, als Mitarbeiterin in einem solidarischen Unternehmen anfangen, den Handprint umsetzen? Welchen Startpunkt wähle ich? Ja, und das ist tatsächlich abhängig von Fall, Ort und Zielgruppe. Aber da hatten Alex Reif und wir von der IfN schon etwas im Jutebeutel bereit: wir möchten gemeinsam einen Workshop zum Handprint in Essen im Frühjahr 2018 anbieten.  Ziel des Workshops soll es sein konkrete Ansätze für im Ruhrgebiet Engagierte zu entwickeln. Wir haben an dem Abend schon mit den Anwesenden begonnen Themen zu sammeln.

Und einige dieser ausgewählten Themen kann es im Workshop in Essen 2019 gehen:

  • Bürgerlobby bei der Politik (Lokalpolitik und weil anstehend EU-Ebene)
  • Was bedeuten die Ideen des Hand Print für die Bildungsarbeit? Wie müssen wir unsere Bildungsarbeit anpassen?
  • Was ist meine Rolle in dem Prozess?
  • Wer sind meine Helfer? Wer sind meine Verhinderer?
  • Wie kann ich die 10 reichsten Prozent erreichen – oder zumindest die 10 reichsten Prozent in meiner Stadt?
  • Arbeit an einem konkreten Projekt (hier: urbane Landwirtschaft im Ruhrgebiet durch die Bonnekamp-Stiftung)

Was denkt ihr über den Hand Print? Kann dieser Ansatz erfolgreich sein? Welche Vorschläge habt ihr für die Inhalte des Workshops?

Kommentiert hier oder meldet euch bei uns per E-Mail: Es wird auch noch eine Möglichkeit zur Abstimmung der Themen geben!

Mehr Infos zum Germanwatch Hand Print auf der Website von Germanwatch.

 

Illustration: Benjamin Bertram/Germanwatch
Fotos: Jörn Hamacher/IfN

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