Essbare Stadt: Politischer Salon und Anfrage an die Ratsfraktionen

„Wir brauchen sie, die alten Utopien. Damit wir neue schaffen können. Es gibt Hoffnung, Futura! Hoffnung auf ein besseres Morgen!“.Das sind die Sätze von Maria in Fritz Langs legendären Spielfilm „Metropolis“ zur Mensch-Maschine Futura. Drehbuch und Film wurden am Schauspiel Essen adaptiert und bieten die Basis für ein eindrückliches Theatererlebnis. Gleichzeitig bereitete die Szene zwischen Maria und Futura, aus der der obige Satz entstammt, den passenden Einstige für die Diskussionsrunde des Politischen Salons am 4.6.2018 im Grillo-Theater mit dem Titel „Eine radikal andere Stadt denken und machen. Essbares Essen“, der von mir organisiert wurde.

Auf dem Podium diskutierten:

Alessa Heuser, Sozialwissenschaftlerin, Fachfrau für Ernährungssouveränität aus Bochum und Aktivistin im Netzwerk Nyéléni;

André Matena, Biochemiker, Lehrbeauftragter an der Uni Duisburg-Essen und aktiv in der Bonnekamp-Stiftung Essen;

Philipp Stierand, Raumplaner aus Dortmund, tätig im Biofachhandel und Blogger für Ernährung im Stadtraum;

Klaus Wermker, ehemaliger Leiter des Stadtentwicklungsbüros der Stadt Essen, Initiator der Essener EhrenamtAgentur und des Profilschwerpunkts Urbane Systeme an der Uni Duisburg-Essen sowie umtriebiger Senior.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Juliane von Hagen, Architektin und Städteplanerin, Mitinhaberin des Büros stadtforschen.de und Essener Fachfrau für öffentliche Räume.

Als Referent  war auch der Essener Stadtplanungsdezernent und Stadtdirektor Hans-Jürgen Best eingeladen. Er konnte leider an der Diskussion nicht teilnehmen. Schade, denn er hätte sicherlich wertvolle Beiträge aus der Stadtverwaltung und zu den aktuellen Zielen der Stadtplanung liefern können. So musste die Runde ohne aktive Mitglieder der Stadtverwaltung auskommen.

„Ernährung betrifft uns alle, jeden Tag“, so Philipp Stierand. So banal dieser Satz klingt, so folgenreich müsste er eigentlich sein, denn lokale Ernährungspolitik existiert in Deutschland quasi gar nicht. Dabei bietet Ernährung doch unsere Existenzgrundlage. Umso wichtiger, dass statt dem Ausbau von Autobahnen oder den Zuzug von Menschen außerhalb der eigene Lebensrealität, über kommunale Lebensmittelversorgung diskutiert werden muss. Circa 40% der Flächen im Ruhrgebiet werden landwirtschaftlich genutzt, aber (deutschlandweit) liegt der regionale Anteil am Lebensmittelmarkt bei nur etwa zwei Prozent. Die Städte sind für die Landwirtschaften in der Region also weitgehend irrelevant. Die Nahrungsmittelproduktion ist weitgehend aus ihrem physischen Raum herausgelöst und findet in globalen statt regionalen und lokalen Bezügen statt.

Doch Ernährung in der Stadt ist mehr als urbane Landwirtschaft. Denn das, so Stierand, ist ein Querschnittsthema. Es ist Handel, Produktion und Konsum. Ziel muss es sein das klassische Lebensmittelhandwerk neu zu definieren.

Doch wie können wir dorthin kommen? Wie können wir eine kommunale Ernährungspolitik schaffen und damit die globalen Bezüge teilweise relokalisieren und wieder Souveränität über unsere eigene Ernährung erhalten? Klaus Wermker erinnerte an die Wurzeln der Stadt und der gesamten Region: „Die Menschen, die die Geschicke dieser Stadt lenken, haben immer noch Industriegeschichte im Blut“. Kann dies als Entschuldigung als bisher mehr als verhaltene Politik in Richtung einer im wahrsten Sinne des Wortes grünen Stadtentwicklung? Nein, sicher nicht. Aber als Erklärung hilft es weiter.  Wie sehr die fossilen Energien mit Kohle und später Erdgas und Erdöl seit knapp 200 Jahren erst die europäische und nordamerikanische und inzwischen weltweite Lebensweisen prägen, darüber gibt die sehenswerte Ausstellung „Das Zeitalter des Kohle“ im Ruhrmuseum Auskunft.

Die Essbare Stadt, so wie ich sie verstehe, ist also eine radikal andere Stadt, ein mutiger Schritt heraus aus dieser Komfortzone mit 200 Jahren eingeübten Produktionsweisen, Arbeitsformen, Mobilität, technischen Errungenschaften und nicht zuletzt stetigem wirtschaftlichen Wachstum. Was sagt Maria im Theaterstück dazu? „Ich habe ein System miterlebt, das nicht lebenswert war. Nun will ich nicht beim Aufbau eines neuen Systems dabei sein, das für Menschen, Tiere und Pflanzen keinen Platz hat. Stoppe die Zerstörung. Baue auf, was kaputt ist, rette die Verletzten und Sterbenden“. Eine Aussage, die sich auf die industrialisierten Großstädte Anfang des 20. Jahrhunderts bezieht, aber auch heute noch Gültigkeit behält. Also, raus mit den alten Utopien, „damit wir neue schaffen können“. Die Hängenden Gärten von Babylon der Antike werden die Essbare Stadt von morgen.

In der Verwaltungs- und Planungssprache ausgedrückt kann eine Utopie als Leitbild der städtebaulichen Entwicklung verstanden werden. Die Essbare Stadt als Leitbild nachhaltiger Stadtentwicklung. Doch dieser „radikale“ Ansatz, diese schöne Utopie, kam in der Diskussionsrunde am Abend zu kurz, wie Stimmen aus dem Publikum bemängelten. Aber auch ich schließe mich dieser Meinung an. Sollte uns nicht gerade das Theater den Raum dafür bieten freier, kreativer, utopischer und eben radikaler zu denken?

Trotzdem hat die Veranstaltung sicher nicht ihr Ziel verfehlt. Die Essener*innen scheinen ein gutes Stück pragmatisch veranlagt zu sein. „Ich mach das dann schon mal“. In diesem Sinne drehte sich auch in der Diskussion mit dem Publikum viel um die Unterstützung von Bürger*inneninitiative durch die Stadtverwaltung. Stadtverwaltung und Menschen, die loslegen – egal ob in ehrenamtlichem Engagement oder in privatwirtschaftlicher Absicht -, sind wichtig: „Ein großer Plan alleine reicht nicht aus. Es braucht auch Umsetzungsstrukturen“. Darauf wies der Verwaltungsmann Wermker hin.

Dennoch, so Wermker, könne man sich sowohl mit der Idee eines großen Plans für die Stadt als auch bei der konkreten Unterstützung in einem Gemeinschaftsgarten etwa nicht alleine auf die Verwaltung verlassen. Ihre Möglichkeiten sind einfach begrenzt. Und das ist grundsätzlich auch gut so, denn was die Verwaltung zu tun und zu lassen hat, das schreibt ihr der Stadtrat ins Hausaufgabenheft. Und auf den Rat haben wir alle, die in Essen leben, Einfluss und das nicht nur alle fünf Jahre zu den Kommunalwahlen (da können nicht alle Essener*innen mitbestimmen!). Es gilt die Lokalpolitiker*innen anzusprechen, immer und zu jeder Zeit. Dazu sind sie die gewählten Repräsentant*innen dieser Stadt.

Das Thema lokale Ernährung und Essbare Stadt ist eines, das neben einer Vielzahl an anderen drängenden Themen steht, die um die Aufmerksamkeit der Kommunalpolitiker*innen buhlen. Eine einmalige Aktion wird daher auf dieser Ebene noch nicht viel bewirken. Ein Zauberwort, das Wermker in diesem Zusammenhang nannte, ist „Vertrauen“. Es gilt das Vertrauen der Politiker*innen durch Ernsthaftigkeit und Beständigkeit der eigenen Aktivitäten zu gewinnen und auch gegenseitig einen vertrauensvolle Umgang miteinander zu kultivieren.

Aber noch viel mehr steht für mich „Vertrauen“ für eine Essbare Stadt, in der es solidarischer und gemeinschaftlicher zugeht, in der Stoff-, Waren- und Produktionsströme transparenter da kürzer und regionaler sind. Ich kenne die Personen vom Anbau, Transport über Verarbeitung und Verkauf meiner Lebensmittel, weiß woher sie stammen und war ggf. selber an den Umständen ihrer Produktion beteiligt. Und das gleiche Prinzip lässt sich auch auf weitere Bereiche des Alltags ausdehnen wie Mobilität oder soziale Aufgaben, wie ich es auch in meiner Utopie einer Essbaren Stadt beschrieben habe.

Aus dieser Argumentation heraus war es gar nicht so schlecht, dass niemand der aktiven Verwaltung auf dem Podium an dem Gespräch teilgenommen hat. (Politische) Forderungen müssen öffentlich formuliert werden. Es soll ein Wettstreit der Ideen entstehen, ein Diskursraum geöffnet werden.  In diesem Sinne ist jede*r von uns Multiplikator*in. Es ist weder nötig direkt die politischen Parteien anzusprechen, gar einer Partei beizutreten, sondern es ist mindestens ausreichend Elemente einer Essbaren Stadt zu diskutieren – mit Nachbar*innen, Kund*innen, im Freundes- und Bekanntenkreis, usw. – oder sie zu leben, also „einfach schon mal anfangen“. Gerade bei deutlich sichtbaren Statements an ungewohnten Orten eröffnen leichter einen Diskursraum, wenn dann z.B. die Presse aufmerksam wird.

Also, ganz im Sinne von Fritz Langs Maria möchte ich die „alten Utopien“ nicht vergessen und Hoffnung auf ein besseres Morgen keimen lassen. Marias Gegenspielerin Futura antwortet ihr darauf übrigens mit einem Friedensschluss: „Auf ein neues Jahrhundert, in dem Mensch und Maschine gemeinsam den Weg in die Zukunft gehen“. Mit diesen Worten begann dann  das Podiumsgespräch. Ich denke, man kann es heute nicht mehr als Technikgläubigkeit verstehen, dass die technische Entwicklung alle unsere Herausforderungen schon lösen werde. Vielmehr verstehe ich es so, dass wir aus dem Takt der verinnerlichten Maschine ausbrechen, unsere industriellen Entwicklungspfade verlassen und über den Tellerrand der fossilen Denkweisen schauen.

In einem meiner Workshops zur Essbaren Stadt ist passenderweise die Idee aufgekommen die (politische) Initiative zu ergreifen und eine Anfrage an die Ratsfraktionen zu stellen, welche Bedeutung diese der Idee einer Essbaren Stadt im Zuge der sog. „Grünen Dekade“ beimessen. Die Anfrage habe ich im Nachgang des Workshops formuliert und u.a. auf dem Politischen Salon zur Mitzeichnung ausgelegt. So konnte ich 54 Unterstützer*innen gewinnen. Die Anfrage habe ich dann an die Fraktionen im Essener Stadtrat per E-Mail inkl. Scan der Unterschriften gesendet und sie ermutigt dieses Thema auch in Ihre politischen Gremien einzubringen. Ich bin gespannt auf die Reaktionen.

Hier findet ihr die gesamte Anfrage zum Nachlesen.

Habt ihr noch weitere Ideen für eine radikal andere Stadt (im nachhaltigen Sinne)? Was sollte eine Utopie oder ein Leitbild der Essbaren Stadt noch beinhalten? Welche Möglichkeiten die Essbare Stadt umzusetzen gibt es noch? Welche politischen Beteiligungsmöglichkeiten kennt ihr noch? Kommentiert!

Fotos: IfN/Jörn Hamacher

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