„Die Stadt mit ins Beet holen“…

… Das war ein schöner Freud’scher Versprecher, den eine Teilnehmerin am Workshop „Essbares Essen. Wir gestalten eine konkrete Utopie“ am 14.4.2018 gemacht hat. Hier findet ihr einige Eindrücke und Ergebnisse sowie nächste Schritte.

Auf dem Workshop, der von 10 bis 17 Uhr in der Volkshochschule und im Essener Stadtraum waren ca. 15 Personen mit unterschiedlichsten Motivationen, Erwartungen und Vorkenntnissen dabei. Gemeinsam galt es mit der Essbaren Stadt eine „konkrete Utopie“ zu kreieren.  Mit konkreter Utopie ist gemeint, dass es nicht bei einer freigeistigen Träumerei bleibt (die dem Thema Essbare Stadt gelegentlich vorgeworfen wird), sondern dass auch die Umsetzung experimentell, vortastend stattfindet.

Um alle Anwesenden thematisch abzuholen, wo sie momentan stehen und eine inhaltliche Basis für die gemeinsame Arbeit an dem Tag zu schaffen, habe ich eine Einführung in das Thema Grün und Nahrungsmittelproduktion in der Stadt gegeben. So unvorstellbar uns das auch vorkommt, war doch der Anbau von Obst und Gemüse sowie die Tierhaltung in der Stadt über Jahrtausende hinweg der Regelfall. Die industrielle Vergroßstädterung sowie die Organisation der Nahrungsmittelherstellung in industrieller Form in Europa und Nordamerika führte zu einer Verdrängung von Apfel, Karotte, Schwein und Co. aus der Stadt. Interessanterweise war es gerade dieser Prozess, der auch gleichzeitig dafür sorgte, dass die (essbare) Natur in die Stadt zurückkehrte. Strukturen, auf die wir auch heute noch im Stadtbild und der Stadtgesellschaft treffen: Parks, Kleingärten und nicht zuletzt Urban Gardening.

In einem Brainstorming, dem Ideengewitter, waren alle Teilnehmenden angelehnt an die Methode von de Bono in kürzester Zeit all ihren Gedanken freien Lauf zu lassen und entweder alles Positive oder alles Negative rund um die Essbare Stadt aufzuschreiben. Damit konnten wir uns nun auf die Stadt Essen fokussieren, ich habe die Stadt in ihrer Entwicklung, nicht zuletzt geprägt von der Großindustrie, die auch heute noch auf das Thema nachhaltiger Stadtentwicklung wirkt, kurz beschrieben und die Ergebnisse der Studie „Essbares Essen“ aus dem vergangenen Jahr vorgestellt.

In Kleingruppen konnten nun alle kurze Zeit Stadtplaner*in spielen und gemeinsam ihre Wünsche für die Umsetzung einer Essbaren Stadt in Essen auf Stadtplänen einzeichnen. Dies diente als Vorbereitung unserer gemeinsamen Fahrradexkursion in die Innenstadt (Willy-Brandt-Platz und Kennedyplatz) sowie den Krupp Park. Vor Ort konnten wir Eindrücke sammeln und diese mit den am Morgen gesammelten Ideen und Wünschen abgleichen: Warum nicht Kappuzinerkresse oder Hopfen an Laternen hochranken lassen? Wie könnte die Aufenthaltsqualität auf den innerstädtischen Plätzen durch Bänke verbessert werden, die von Pflanzkübeln umgeben sind? Wie kann mit heftiger Sonneneinstrahlung und großflächiger Versiegelung aber auch dem Denkmalschutz umgegangen werden? Warum im Krupp Park nicht Wildblumen anpflanzen und den Park zum Insektenparadies werden lassen und die Blumen lokal verkaufen? Alles Ideen und Fragen, die erst beim Aufenthalt außenaufgekommen sind.

Wieder in der Volkshochschule angekommen, konnten wir die Ideen und Erkenntnisse des Tages in einem an das World Café angelehnte Format „Wandel Café“ diskutieren. Und so sehen die Ergebnisse und Forderungen aus:

  • Das öffentliche Interesse an dem Thema Essbare Stadt (und nicht nur Gemeinschaftsgärten) muss erhöht werden. Ein Anknüpfungspunkt ist der Name der Stadt „Essen“ (es liegt auf der Hand bzw. dem Tisch).
  • Es braucht Antreiber*innen/Begeisterte/Vorreiter*innen
  • Eine Vernetzung verschiedener Initiativen, die alle im weiteren Sinne das Thema Essbare Stadt voranbringen, zwischen den Stadtteilenist notwendig.
  • Niedrigschwellige Öffentlichkeitsarbeit funktioniert für jede Initiative und Privatmenschen über soziale Medien (Facebook, Instagram) und die Stadtteilseiten der Lokalpresse
  • Sehr hilfreich ist ein „Urban Gardening Büro“für die Stadt Essen, das Öffentlichkeitsarbeit, Koordination und Vernetzung übernimmt sowie im politische Prozess Agenda-Setter ist (das Thema immer wieder in die politische Diskussion einbringt). Dieses „Urban Gardening Büro“ muss nicht kommunal sein, wie das Beispiel Köln zeigt.
  • Es wird eine Eingabe an den Stadtrat bzw. die Ratsfraktionen formuliert, die das Thema Grüne Hauptstadt und Grüne Dekade aufgreift und den Rat bzw. die Fraktionen nach deren Haltung dazu fragt, welche Aktionen sie gedenken hinsichtlich der Realisierung der Essbaren Stadt Essen zu unternehmen.

Die genannte Ratseingabe werde ich demnächst hier in einem eigenen Blogbeitrag thematisieren. Diese wie auch die anderen Ergebnisse des Workshops werden in den Politischen Salon „Eine radikal andere Stadt. Essbares Essen“ am 4.6.2018, 20 Uhr im Grillo-Theater mitgenommen und auch dort mit einem größeren Publikum diskutiert.

Der Prozess in Köln, der mit der Gründung des Vereins Taste of Heimat und kurz darauf mit der Gründung des ersten Ernährungsrats in Deutschlands begann, zeigt, dass der Weg zu einer Essbaren Stadt auch in einer deutschen Großstadt möglich ist. Natürlich ist auch Köln noch nicht essbar, aber inzwischen wurde dort ein Aktionsplan Essbare Stadt Köln in einem ersten Entwurf veröffentlicht. Eingebunden sind die Stadt Köln, die Bezirksvertretungen, der Ernährungsrat in diversen Arbeitsgruppen und über Taste of Heimat e.V. ist eine finanzielle Förderung des Vorhabens gelungen. Zu hoffen ist, dass ein ähnlicher Prozess auch in Essen angestoßen werden kann, zu dem die Ratseingabe der erste Schritt sein könnte.

Das eine Utopie dann doch ganz konkret werden kann zeigt sich neben Köln oder Andernach (die Stadt, die sich seitens der Stadtverwaltung und -politik als „essbar“ vermarktet) auch in Paris – einer Stadt mit 2 Millionen Einwohnenden im Kern und mehr als 9 Millionen in der Großregion. Durchaus ehrgeizige Ziele, die man sich dort angesichts des Klimaschutzes gesetzt hat!

Auf diesem Wege bedanke ich mich nochmals bei allen, die so engagiert an den beiden Workshops am 20.3 und 14.4.2018  teilgenommen haben.

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