Ich habe einen Traum…

… ich gehe morgens aus meiner Haustüre und sehe eine ganz andere Stadt. Mir fällt sofort auf: Oha, so viel weniger Autos? Wo sind die alle hin? Und so viel mehr Grün wo kommt das alles auf einmal her?

Es wächst und gedeiht!

Die Bäume am Straßenrand. Das sind keine Zierbäume mehr (obwohl eine Zierde sind sie schon), das sind Haselnussbäume, Walnussbäume, Apfelbäume, Kirschbäume. Alles essbares Obst. Und an mancher Hauswand rankt sich an Spalieren weiteres Obst, z.B. Birnen, Aprikosen, aber auch Wein sehe ich da und Bohnen, Kapuzinerkresse. Weiter gehe ich in Richtung des Frohnhauser Platzes. Die vier Beete an den Ecken des Platzes sind üppig bewachsen: Bäume, Sträucher, Stauden, Kräuter auf unterschiedlichen Höhen. Der Mangold sticht wunderschön mit seinen roten und gelben Stielen hervor. Der Giersch blüht so schön blau. Aber eigentlich war in den Beeten doch nur eine steinharte Grasschicht, an der meine Guerilla-Stadtgärner-Aktionen immer wieder scheiterten, und ein paar halbhohe Büsche, die lustlos herumstanden. Beliebt waren die Beete bei den Hunden der Anwohnende, um die Notdurft zu verrichten. Aber deren Herrchen und Frauchen kümmerten sich nicht immer so sorgfältig um die Überbleibsel der Hundetoilette. Und jetzt wachsen dort Salate, Gurken, Zucchini, Kürbis und Basilikum.

Mehr Zeit für Gemeinwohl

Am nächsten Beet sehe ich einen älteren Mann, der sich ein paar Tomaten ernten. Ob die denn schmecken, will ich wissen. Er reicht mir eine und ich probiere diese schön orange-rot gefärbte kleine Frucht. Wahrlich gut. „Ist es denn ihr Beet?“, frage  ich den Mann. Er verneint. Aber ob man sich denn einfach so davon nehmen könne? „Ja, natürlich. Dieses Beet ist wie alle öffentlichen Beete ein „Allmende-Beet“. Davon kann sich jeder nehmen“. „Und wer pflanzt das dann alles an?“. Das mache tatsächlich die Stadt Essen. Sie erhält die Pflanzen aus eigener Zucht und von Landwirten aus dem Umland. Um das Gärtnern kümmern sich dann Beschäftigte der EABG – der Essener Arbeits- und Beschäftigungsgesellschaft. Aber alle Anwohnenden seien dazu aufgerufen ein Auge auf die Beete und Pflanzen vor ihrem Haus zu haben und sich manchmal beim Gärtnern einzubringen. Das funktioniert aber gut, seit dem bundesweit eine 20h-Woche die Regelarbeitszeit ist, haben die Menschen mehr Zeit sich um Gemeinschaftsaufgaben wie die Pflege der Grünpflanzen im eigenen Quartier zu kümmern. Und wer kochen mag, der kocht in einer Nachbarschaftsküche oder wer lieber Fahrräder schraubt, die hilft in einer offenen Reparaturwerkstatt. Jetzt müsse er aber los, da komme seine Straßenbahn. Straßenbahn? Wundere ich mich. Hier am Frohnhauser Platz ist doch regulär schon seit Jahren keine Bahn mehr gefahren. Aber Tatsache, da rollt eine heran und hält um Fahrgäste ein- uns aussteigen zu lassen. Wow!

Früh übt sich!

Ich lasse mich von der angenehmen Stimmung über den Platz tragen, in dessen Mitte eine schöne Esskastanie steht. Es sitzen einige Frauen und Männer unter dem Baum auf Bänken und unterhalten sich. Kinder spielen auf dem Platz. Überhaupt sind viel mehr Menschen unterwegs als sonst. Das gibt es doch sonst nur an Markttagen. Aber nach Markt sieht es heute nicht aus. Ich schaue über den mit Erbsen bewachsenen Zaun des Kindergartens, der am Rande des Platzes liegt. Und zwischen den Kindern wuseln – tatsächlich! – Hühner herum. Und die Hühner stören sich gar nicht an den Kindern. Ganz im Gegenteil, manchmal lassen sie sich von den Mädchen und Jungen streicheln. Ein Junge beobachtet die Hühner ganz ehrfürchtig beim Picken. „Da haben wir immer frische Eier zum Kochen und backen“, ruft mir der Kindergärtner zu. „Und manchmal gibt es dann auch Hähnchen bei uns – aber nur ganz selten, sonst haben wir ja keine Eier mehr“.

Permakultur-Stadtfarmen für’s Quartier

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus… Mir kommt eine junge Frau mit einem Lastenrad entgegen. Da sie die Geschwindigkeit des Fahrrads verlangsamt, kann ich mir das Transportgut besser anschauen: Möhren, Salate, Rote Beeten, Zwiebeln, Sellerie, Spinat. Das ganze Fahrrad voll und fein säuberlich gepackt. Wo sie denn damit hinwolle, möchte ich wissen. „Zum Regionalladen im Quartier“. Sie deutet über den Platz. Dort wo sich eigentlich immer eine Spielothek befindet, sehe ich nun einen kleinen Lebensmitteladen. Was eine schöne Idee.“ Woher kommt denn das ganze Gemüse?“. „Von einer der Permakulturen in Essen. Dieses hier direkt von der Stadtgrenze in Mülheim. Dort gibt es alles, was das Herz begehrt: Streuobstwiesen, Getreide, Gemüse, Obst, Rinder, Schweine, Schafe, Hühner, Gänse, Pferde und durch eine ausgeklügeltes Teich- und Bewässerungssystem, das in den Mühlbach mündet, können sogar Forellen gehalten werden“.

Gemeinsam postfossil unterwegs

So langsam bringt mich nichts mehr aus dem Konzept. Aber es schwirrt in meinem Kopf, was es auf einmal alles gibt, denke ich und betrachte das Elektro-Fahrrad. Ich muss wohl lange auf den Motor gestarrt haben. „Den brauch ich auch! Es geht doch schon ein Stückchen hoch und runter von Mülheim durch das Mühlbachtal“, lacht die Radfahrerin. Da pflichte ich ihr bei. Wo sie sich denn das Rad gekauft habe, frage ich sie. Das ist gar nicht ihr eigenes Fahrrad. Es ist eines der Frohnhauser Einkaufsgenossenschaft. „Das kann sich jeder ausleihen, um damit Transport in einem Umkreis von 20 Kilometern zu machen. Meistens stehen die an den Permakulturen oder im Quartier, hier eben im Quartierszentrum am Markt bereit. Repariert und gewartet werden die Räder dann in einer der offenen Reparaturwerkstätten. Auch hier um die Ecke auf der Mülheimer Straße ist eine“. Sie zeigt auf ein graues Haus, in dem ich eigentlich Leerstand vermutet hätte. Vor den Fenstern sind große Pflanzkisten angebracht. Soweit ich das von hier unten sehen kann wachsen auch dort verschiedene Gemüsesorten.

Lebendige, pflegeleichte Grünanlagen

Die Radfahrerin verabschiedet sich. Ich danke ihr für das kurze Gespräch und wünsche ihr einen schönen Tag. Ich bin gespannt, was mich nun noch erwartet und gehe die paar Stufen hoch in den Westpark. Die großen Platanen stehen noch, die Kirschbäume ebenfalls. Oder sind es doch andere?, denn an den Ästen dieser Bäume hängen pralle Früchte herab. Der Park hat auch einen anderen Charakter bekommen. Versiegelte Flächen sind verschwunden, stattdessen sind dort nun Beete mit bunt blühenden Hochstauden. Spielgeräte sind über den ganzen Park verteilt.

Määäh! Die schafgerechte Stadt

Aber ein Teil der zentralen Wiese wird gerade von einem Mann mit großem Schäferhut mit einem Elektrozaun abgesperrt. Und er sieht nicht nur aus wie ein Schäfer, er ist es wohl auch, denn da stehen tatsächlich eine Schafe auf der Wiese. Schafe, mitten in einem Essener Park? Das kann doch nun wirklich nicht sein! Fragend schaue ich den Schäfer an. Er lacht mich an und sagt, „Doch, doch, das gibt es jetzt auch“.  Im Auftrag der Stadt betreibt er Wanderschäferei auf den vielzähligen Essener Grünflächen. Dadurch, dass es nun viel weniger Autos gibt, das Leben generell weniger hektisch ist, ist es kein Problem mit den Tieren durch die Straßen zu ziehen. Die Menschen in Essen haben sich an die Schafe gewöhnt.

„Grüne Dekade“

Essen die schafgerechte Stadt und nicht mehr die autogerechte Stadt? Was ist denn hier los? Ob ich das denn gar nicht mitbekommen hätte, fragt er mich. Als Essen 2017 den Titel Grüne Hauptstadt Europas hatte, entschied sich der Rat Essen bis zu diesem Jahr – 2027, dem Jahr der Internationalen Gartenausstellung im Ruhrgebiet – im Rahmen der Grünen Dekade zu einer essbaren Stadt zu machen. Und dann hätten Schafe nun mal Vorrang im Straßenverkehr, lacht er mich an und steckt sich eine Kirsche in den Mund.

… Habe ich etwas zehn Jahre geschlafen oder ist das alles nur ein fantastischer Traum?

Damit das nicht mein Traum bleiben muss. Möchte ich die Diskussion um die essbare Stadt in Essen anstoßen, eine gemeinsame Utopie der Essener*innen entwickeln und Schritte für die Umsetzung einleiten. Das läuft über vielfältige Wege:

  • Mit Britta zusammen führe ich eine Lehrveranstaltung an der Uni Duisburg-Essen durch, in der die Studierenden ein Projektbericht für die Stadt Essen verfassen
  • Dieser wird auf der „Zukunftswerkstadt Essbares Essen“ am 6.10.2017 vorgestellt, die ich für das Projektbüro der Grünen Hauptstadt organisiere
  • Auf der AufRuhr biete ich einen Workshop an „Essbare Stadt. Wir entwickeln eine konkrete Utopie“.
  • Auf dem Festival Innovative Citizen Ende November 2017 in Dortmund wird es einen Ganztages-Workshop zum Thema geben, bei dem kreativ losgelegt werden kann.
  • Am 4. Juni 2018 gestalte ich einen Politischen Salon im Grillo Theater: „Eine radikal andere Stadt: Essbares Essen“.

Habt ihr noch mehr Ideen, dann meldet euch bei mir: joern@wissenschaffenwandel.de

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