Oh, wie grün ist Essen!?

Im WDR lief vor einigen Tagen der Film „Das Wunder von Essen – Grüne Hauptstadt Europas!“ von Ulrike Brinker (verfügbar bis zum 10.3.2018). Der Film unterstreicht das Selbstverständnis der Grünen Hauptstadt, welches mit den Slogans „Erlebe dein Grünes Wunder“ und „Dein Grünes Essen“ vielfach in der Stadt sichtbar ist.  Ja, aber wie grün ist Essen denn tatsächlich, zieht man die historische Betrachtung des Films heran?Mein Vorstellungshorizont wurde durch den Film erweitert und er erklärt den Slogan einer Ausstellung bei der Eröffnungsfeier „von grün zu grau zu grün +“. Essen hatte durch Industrialisierung und mit Beginn des Bergbaus viele grüne Flächen, die mehrheitlich für Landwirtschaft genutzt wurden, verloren. Nun ist die Anzahl der Bauernhöfe in Essen stark reduziert. Dafür haben wir aber Naherholungsgebiete, die am Reißbrett geplant wurden, wie uns der Film informiert. Motiviert wurde diese Planung durch die von Industrie und Bergbau verursachte Einschränkung der Lebensqualität.

Auf diese Grünflächen sind die Essener Stadtspitze und viele Essener*innen, so die Darstellung im Film, stolz. Sie sind auch ein zentrales Argument für die Bewerbung der Grünen Hauptstadt Europas. Solange die Grüne Hauptstadt sich mit der Fläche für Naherholung brüstet (oder auch mit der Möglichkeit, nun wieder im Baldeneysee baden zu können, oder der Eventorientierung des gesamten Grünen Hauptstadtjahres), wirkt das Projekt auf mich hedonistisch. Warum?

1. Die Grünflächen dienen zur Erholung, für die Freizeit. Zwar wird dies mit dem Mehrwert für Gesundheit und Lebensqualität begründet, mit Blick auf die Zeit vor der Industrialisierung haben die Flächen aber an Qualität verloren. Sie können nicht mehr für landwirtschaftliche Zwecke genutzt werden und so einen wesentlichen Teil der Bevölkerung  ernähren. Durch den Bergbau wurden Ackerflächen zerstört und Schadstoffe haben sich angesammelt. Auch der intensive Autoverkehr in der Stadt und drum herum trägt zu einer starken Schadstoffbelastung bei. Dies führt dazu, dass für jedes innerstädtische Gärtnern mit Nutzpflanzen die Bodenbelastung zu prüfen ist. Je nach Belastung kann dann nur in Hochbeeten angebaut werden. Ein ernsthaft „grünes“ Ziel wäre es vielmehr, sowohl Naherholung zu ermöglichen, als auch Anbauflächen wieder herzustellen. Denn langfristig können wir nicht darauf setzen, den Großteil der hier benötigten Lebensmittel aus anderen Teilen Deutschlands oder gar der Welt nach Essen zu fahren.

2. Die Schaffung von Grünflächen zur Naherholung stellt zudem eine Behandlung der Symptome, nicht aber der Ursachen des Problems dar. Wir brauchen Grünflächen, um uns zu erholen, den Belastungen der Stadt auszuweichen. Lärm, Schadstoffe und Unfälle bedrohen unsere Unversehrtheit. In Parkanlagen können Kinder Radfahren lernen, Menschen einmal durchatmen (und dabei wahrscheinlich weniger Schadstoffe einatmen) sowie Vogelgezwitscher und Blumen genießen. Diese Orte müssen explizit ausgewiesen werden, da die Stadt ansonsten wenig Raum dafür bietet. Wie wäre es die Ursachen anzugehen? Tempo 30, alternative Verkehrsmittel fördern oder gar die Stadt weniger stressig durch beispielsweise Ruheinseln zu machen, wo es keinen motorisierten Verkehr gibt? Und vor allen Dingen: durch mehr nutzbares Grün entlang der Straßen den schadstoffreichen Verkehr aus der Stadt verbannen.

Hedonistisch ist die Orientierung auf das Grün in der Stadt Essen demnach, weil es den Moment feiert, nicht aber die Probleme benennt. Sicher ist es eine Leistung, die Begrbau- und Industrieflächen für die Natur zurück zu gewinnen. Gleichzeitig, schaut man über den Moment, verdeutlicht es die Zerstörung und die Aufgabe, die eigentlich noch vor uns liegen. Darüber spricht die Grüne Hauptstadt Europas gerade nicht – auch der Film nicht. Aber es braucht ein Konzept für die systematische Förderung landwirtschaftlicher Flächen und des urbanen Gärtnerns in Klein-, Gemeinschafts- und sonstigen Essener Gärten, ebenso wie einen den Zielen der Grünen Hauptstadt Europas – Essen 2017 (4×25% Modal Split bis 2035; vgl. Stadt Essen, S. 33) entsprechenden Maßnahmenplan für den Verkehr. Dann würde man die langfristige Perspektive erkennen, nicht nur das kurzzeitige Feiern einer im Kern nicht nachhaltigen Entwicklung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.