Perspektive für Essen: Wirtschaftsförderung 4.0

Am 8. März 2017 werden wir in einer Podiumsdiskussion mit Michael Kopatz, Wuppertal Institut, und Jochen Fricke, stellvertretender Geschäftsführer der Essener Wirtschaftsförderung (EWG), über alternative Möglichkeiten der Wirtschaftsförderung in Essen diskutieren. Die beiden Gäste repräsentieren dabei zwei unterschiedliche Konzepte. Die auf (wirtschaftlichem) Wachstum basierende Herangehensweise der EWG haben wir hier skizziert. Ein alternatives Konzept hat Michael Kopatz unter dem Titel „Wirtschaftsförderung 4.0“ vorgeschlagen.

Förderung von Kooperation statt Wettbewerb

Wesentliche Grundlagen kooperativen Wirtschaftens kennen wir bereits und sie sind auch in Essen vertreten, wie der Tauschkreis, Repaircafés, Klamottentauschpartys, Gemeinschaftsgärten oder solidarische Landwirtschaft. Alles dies basiert jedoch auf ehrenamtlichem Engagement. Bisher wird dies nicht konzeptuell gefördert, obwohl gerade in diesen Ansätzen immenses Potential für neue Wirtschaftsstrukturen liegen. Diese Form des Wirtschaftens würde eher dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung von lokalem Handlungsanspruch mit globalen Absichten gerecht. Ein darauf ausgerichtetes systematisches Handlungskonzept nennt Michael Kopatz – angelehnt an die Strategie der deutschen Bundesregierung Industrie 4.0 –„Wirtschaftsförderung 4.0“.

Ebenso wie das Konzept Industrie 4.0 ist die Wirtschaftsförderung 4.0 ein Zukunftsprojekt. Es zielt jedoch nicht auf eine High-Tech-Strategie ab, sondern auf eine resiliente Wirtschaftsstruktur. Das bedeutet, eine Region, wie auch eine Ökonomie, krisenfest zu machen, um unabhängig von Rohstoffverfügbarkeit oder Exportnachfrage ein gutes Leben zu sichern. Kooperatives Wirtschaften ist also nicht nur ein „Umweltprojekt“, sondern von elementarer Bedeutung für eine zukunftsfähige Wirtschaftspolitik in einer endlichen Welt.

Wie im vorherigen Blogbeitrag gezeigt, setzt die bisherige Wirtschaftsförderung auf die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft. Statt kompetitiver Formen des Wirtschaftens kooperative Formen zu unterstützen, wäre ein völlig neues Feld der Wirtschaftsförderung. Dieser Grundgedanke findet sich in den fünf Gestaltungsfeldern der Wirtschaftsförderung 4.0: Produktion, Hilfe & Kooperation, Teilen, komplementärer Leistungstausch und resiliente Unternehmen.

Die fünf Gestaltungsfelder der Wirtschaftsförderung 4.0 nach Michael Kopatz (Quelle).

Dahoam is dahoam: Produktion vor oder hinter der eigenen Haustür

Die Essener Gemeinschaftsgärten zeigen es, auch die Essener*innen haben Lust, wieder selber zu gärtnern und draußen produktiv zu sein. Aber nicht nur Nahrung kann regional hergestellt werden. Auch Kleidung, Möbel und vieles mehr lässt sich lokal und regional produzieren. Dies zeigen auch erfolgreich produzierende Unternehmen wie gea aus Österreich oder Manomama aus Augsburg. Wer lokal und regional kauft, sichert Arbeitsplätze in der Umgebung und trägt zum Klimaschutz bei.

Hilfst du mir, helfe ich dir: Essen hilft

Ein Blick auf die Internetseiten der Stadtagentur Essen.engagiert und der Ehrenamt Agentur Essen offenbart, dass man sich in Essen gerne und viel zivilgesellschaftlich engagiert und einen Sinn für Unterstützung, Kooperation und Teilhabe hat. Einige Menschen sind in den Essener Repaircafés engagiert, wo man z.B. seinen kaputten Fön unter fachkundiger Anleitung selber wieder zum Laufen bringt und dabei in angenehmer Atmosphäre mit Kaffee und Kuchen neue Kontakte knüpft. Auch die Kleidertauschbörsen regen dazu an, die Klamotten ganz hinten aus dem Schrank zu holen, denn ein*e andere*r sieht darin vielleicht noch ein wahres Schätzchen. Und das alles, ohne, dass dazu noch großartig weitere Ressourcen verbraucht wurden.

Mehr vom Weniger: Teilen

Die Kleidertauschbörse sagt es schon: Teilen ist das neue Besitzen. Wozu braucht es eine eigene Bohrmaschine? Wozu braucht es ein eigenes Auto? Wozu braucht es ein eigenes Haus? Kommerzielle Carsharing-Anbieter gibt es auch in Essen und mit dem Metropolradruhr ist man auch ganz CO2-frei entlang von Emscher und Ruhr unterwegs. Im Essener Tauschkreis können auch Tätigkeiten, wie den Hund ausführen, Nachhilfe oder die Computerreparatur, mit imaginären Kohlen untereinander getauscht werden. Und neben der Student*innen-WG beginnt die Idee großer kooperativer Wohngemeinschaften und flexibler Wohnformen sich, zumindest im Essener Umland, Bahn zu brechen.

Money, money, money: Regionalgeld statt Zinsgeld

Ein ganz zentraler Ansatzpunkt, um all diese Aktivitäten zu befördern und zum „regionalen Mainstream“ werden zu lassen, ist Regionalgeld. Regionalgeld ist nur in einer bestimmten Region oder Stadt gültig. Mit Regionalgeld lassen sich keine Zinsen erwirtschaften, es muss beständig im Umlauf bleiben und dieser ist eben regional. Der Effekt des Geldes bleibt in der Region. Regionalgeld ist wachstumsunabhängig, weil es nicht wie der Euro auf Wachstumsraten der Realwirtschaft, die mindestens so hoch sein müssen wie der Zinszuwachs des Geldmarkts, angewiesen ist. Der wachstumsbedingte Naturverbrauch nimmt ab, die Produktion rückt näher zum Kunden, regionale Produkte werden gefördert und Transportwege verkürzen sich: eine Win-Win-Situation für die Region in allen Belangen, ob ökologisch, wirtschaftlich oder sozial.

Stabilität ist alles: Postwachstums-Unternehmen

Die Initiative Ökoprofit, setzt – auch in Essen – auf Unternehmensebene an, mit den Betrieben zu erörtern, wie und wo diese ihren Ressourcen- und Energieverbrauch und damit ihre Betriebskosten senken können. Ein wunderbarer Ansatz, um mit den Unternehmen ins Gespräch zu kommen und sie für Stabilität statt Expansion zu begeistern. Eine gute Voraussetzung dafür bieten gerade Genossenschaften, Stiftungen oder kommunale Unternehmen. Etabliert sind bereits die Wohnungsbaugenossenschaften, aber auch neuere Verbünde wie die Solargenossenschaft Essen oder die Genossenschaft.Ruhr, sind erste zarte Pflänzchen einer auf Stabilität setzenden statt expansiven Unternehmenskultur.

Und nun: Wie den Wandel gestalten?

Doch die etablierte Wirtschaftsförderung sollte nicht sofort abgeschrieben werden, denn die Wirtschaftsförderung 4.0 kann auf den Erfahrungen der bisherigen Wirtschaftsförderung aufbauen und bedarf ihrer Expertise über lokale Gegebenheiten und Besonderheiten. Anfänglich können sicher beide Formen der Wirtschaftsförderung parallel nebeneinander herlaufen. Je besser das Wissen über lokale Wirtschaftsmöglichkeiten ist, desto eher können dann auch auf Export setzende Unternehmen in die neue Form des Wirtschaftens eingebunden werden und ihre Produktion auf die lokalen Bedürfnisse anpassen.

In der Podiumsdiskussion am 8. März ist eine der spannenden Fragen, ob und an welcher Stelle bereits lokales Wirtschaften zu finden ist und mit welchen Mitteln es systematisch in Essen gefördert wird oder gefördert werden könnte. Können vielleicht sogar neue Schritte angeregt werden?

Anmeldung für die Veranstaltung wird bis zum 06.03.2017 an maria.klauwer@kwi-nrw.de erbeten.

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