Kultur-Umwelt-Kultur? Grüne Hauptstadt Europas 2017 – Essen feiert die Eröffnung

Die Eröffnungsfeier der Grünen Hauptstadt hat sozusagen zwei Teile: den für geladene Gäste und einen öffentlichen. Beides habe ich besucht und möchte hier ein paar Eindrücke zur Diskussion stellen.

Der erste Teil, die offizielle Staffelübergabe von Ljubljana (EGC 2016) an Essen, fand am Samstag zwischen 16 und 17.15 Uhr im Musikpavillon der Gruga statt. Das Programm begann mit einem Prolog des Schauspiels Essen, in dem die Entstehung der Welt auf die Zeit eines Jahres übertragen wurde. Mit folgenden Worten endete der Prolog: „In der letzteren Sekunden des Jahres versechsfacht sich die Erdbevölkerung, verbraucht einen Großteil ihrer Kohle-, Öl- und Erzvorräte und gibt sich in Gefahr die Umwelt zu vergiften und die Erde unbewohnbar zu machen.“

Da dies zu Beginn (und zwischendrin) fortgeführt wurde, würde ich diese Erzählung sozusagen als Leitgedanke der Grünen Hauptstadt verstehen?! Im öffentlichen Teil wurde dies ebenfalls am Margarethensee inszeniert:

Und früher in der Schule gab es gehäkelte Knäule, die zwanzig, dreißig Meter maßen. Die letzten paar Maschen verdeutlichen die Zeit der Menschen auf der Erde. Der Prolog dient also als Umweltbildung für kulturell anspruchsvolle Menschen.

Nach dem Prolog folgte eine Podiumsdiskussion zwischen dem zuständigen EU-Kommissar Karmenu Vella, dem NRW-Umweltminister Johannes Remmel, und der Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Inhaltlich brachte die Diskussion nicht viel Neues. Beachtenswert sind allerdings die Betonung des Europäischen Austausches und der Verständigung zwischen den Städten. Im Verlauf der Veranstaltung wurde deutlich, dass sich dies allerdings vornehmlich auf die Verwaltung und Politik bezog. Der enge Austausch der Umweltverbände und Initiativen zwischen europäischen Städten, wie wir es durch die UnKonferenz im September ermöglichen wollen, wurde nicht aufgegriffen.

Zum Glück haben aber alle Protagonisten betont, dass die Grüne Hauptstadt zwar bereits viel erreicht hat, insbesondere auf dem Weg von einer Industrieregion zu einer Stadt mit sehr viel Grünfläche, aber der Prozess auch erst am Anfang steht.

Aufgelockert wurde der erwartbare Austausch durch Proteste von fossil free und Greenpeace Essen, welche den Ausstieg von Essen aus RWE forderten. Die Demonstranten wurden aus dem Musik-Pavillon geleitet und begleiteten die Veranstaltung als stille Zaungäste.

Interessant war die Reaktion von Frau Hendricks auf den Protest: es brauche einen strukturierten Prozess, auch in der Energiewirtschaft, und da müssten alle Menschen mitgenommen werden und den Unternehmen die Chance geben sich umzustrukturieren und das wäre mit einem einfachen Aktienverkauf nicht zu lösen. Ansonsten setzte die Bundesregierung doch auch auf die Kräfte des Marktes, nichts anderes fordert doch die Divestment-Kampagne. Oder verstehe ich das falsch? Nichts erscheint gerade unrentabler zu sein, als RWE-Anteile. Warum verkauft die Stadt nicht?

Eine weitere Intervention erfolgte ebenfalls während der Podiumsdiskussion: Diese griffen sozusagen die Geschichte der Erdentstehung auf und wiesen auf den „Klima-Alarm“ hin, mit der Unterzeile „Wir verheizen unsere Zukunft“.

Danke für diese Einwürfe an die sich selbst feiernden „Elite“ der Grüne-Hauptstadt-Bewegten! Auch wenn direkte Wirkungen nicht zu erwarten sind, braucht es solche Störungen, um den „am Anfang stehenden Prozess“ in die richtige Richtung zu lenken.

Dies erscheint umso wichtiger, da bei dem Epilog der Veranstaltung (zwischendrin folgte noch Blasmusik, eine Grußbotschaft aus Ljubljana, die Staffelübergabe und natürlich eine Rede von Oberbürgermeister Kufen) eine große Portion Harmonie präsentiert wurde. Eine grüne Stadtidylle mit Blumenkästen, Liebespaaren und Rad fahrende Menschen wurde gespielt. Am Ende schaukelte ein kleines Mädchen durch den Musikpavillon und wurde mit Kunstschnee beschneit.

Wie auch bei dem Epilog waren viele der Schauspielenden beim Park-Fest, dem öffentlichen Teil der Eröffnungsfeier verkleidet. Die Verkleidungen deuteten auf Fantasiefiguren und frühere Zeiten hin. Diese Verfremdung der teils in der jetzt Zeit spielenden Themen (Sturm ELA, Wasserkonflikte) erscheint nicht ganz nachvollziehbar. Soll damit die Identifikation abgemildert werden, keine konkreten Zuschreibungen erfolgen? Genau dies fehlt an vielen Stellen nämlich auch in der künstlerischen Darstellung – wie geht man mit Großkonzernen, wie NESTLE, um, die Wasser für ein Wirtschaftsgut und keine öffentliches Gut halten?

Die Notwendigkeit während des Grüne Hauptstadt Jahres Konkretes zu thematisieren bot schon der Weg zum Fest am Sonntag gegen 16 Uhr – Auto um Auto näherte sich dem Gruga-Park und es gab ein umfassendes Gehupe um die vorhandenen Parkplätze. Für einen Sonntagnachmittag war aber auch der Bus gut gefüllt. Es stellt sich daher die Frage, wie das Thema Mobilität bei dem Fest, aber auch im Grüne Hauptstadt Jahr angegangen wird. In luftiger Höhe sind die Ziele zur Mobilität anzusiedeln – 25% Fahrradanteil im Jahr 2035. Vielleicht wurden daher auch – mit einer ironischen Brechung – die Mobilitätsinstallationen beim Park-Fest in der Luft angesiedelt:

 

Das Fest war schön, die verschiedenen Vorführungen und Inszenierungen berührten in irgendeiner Form alle das Thema Umwelt und boten die Möglichkeit neue Perspektiven einzunehmen. Dennoch fehlte, mit Ausnahme der Schnippeldisko und den weiteren Informationen am Grillplatz 1 sowie den Infos zu den Gemeinschaftsgärten und dem Mobilen Garten am Grillplatz 4 konkrete Handlungsanreize. Die große Plastiktütensammlung als Eintritt könnte natürlich als solches verstanden werden – aber die Grünen Hauptstadt 2017 – Essen bietet hoffentlich mehr?!

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