Essen 51 – ein neuer Stadtteil für Investoren

Ohne dass Essen größer wird, entsteht ein neuer Stadtteil. Innenentwicklung oder auch die Nutzung von Konversionsflächen nennt man das wohl in der Stadtentwicklung. Der Stadtteil ist kein richtiger Stadtteil, sondern ein Investitionsprojekt der Thelen-Gruppe. Daher heißt es auch „nur“ Essen 51. Einen wohl klingenden Stadtteilnamen, wie z. B. Vogelheim, Schuir oder Kray, braucht solch ein Investitionsprojekt wohl nicht.

Meine kritische Perspektive auf die Entwicklung des neuen Stadtteils lässt sich mit den ersten Sätzen nicht verstecken: die bisher veröffentlichten Unterlagen der Stadtverwaltung lassen viele Fragen offen. Viele davon hätte ich wohl auch in dem formellen Beteiligungsverfahren für den Bebauungsplan stellen können, aber wie es ja so häufig ist – auch an interessierte Menschen gehen wichtige Themen einfach mal vorbei. Daher nun hier ein paar Fragen, die mir zu der Stadtteilentwicklung kommen und nicht aus dem Masterplan oder den Planungsunterlagen hervorgehen:

Bekannt ist ja, dass es zu extremen Wetterereignissen, wie Starkregen und Hitze, durch den Klimawandel kommen wird. Freiflächen sowie Grün- und Wasserflächen sind also nicht nur für die Lebensqualität im Allgemeinen wichtig, sondern müssten auch für die Durchlüftung der Siedlungsgebiete oder gar der Innenstadt berücksichtigt werden. Gleiches gilt für die Möglichkeit, Regenwasser versickern zu lassen oder zurück zu halten. Wurde entsprechend eine Analyse hinsichtlich der erwartbaren Klimafolgen und möglicher Anpassungsmaßnahmen auch mit Blick auf die gesamte Stadt vorgenommen?

Das Verkehrskonzept gibt keine Auskunft darüber, wie die Mobilitätsziele der Grünen Hauptstadt Essen 2017 berücksichtigt werden. Wäre es mit Blick auf diese Auszeichnung angemessen ein innovatives Verkehrskonzept umzusetzen? In Frage kämen da wirklich autofreie Siedlungen, Lieferungen per Lastenrad oder die Planung von Fahrradinfrastruktur.

Die Einbindung von IKEA in das Gelände ebenso wie die geplante Systemgastronomie lassen den Eindruck aufkommen, dass nicht mit kleinem lokalem Einzelhandel, Handwerk und Raum für kreative Prozesse gerechnet werden sollte. Diese könnten allerdings besser dauerhafte und sozialversicherungspflichtige Jobs schaffen, welche nicht auf einem intensiven Ressourcenverbrauch basieren. Daher die Frage: Hat man sich um eine alternative Nutzung der Fläche, beispielsweise im Sinne einer alternativen Wirtschaftsförderung, bemüht?

Die Lage von Essen 51 ebenso wie die Größe werden Essen und die angrenzenden Stadtteile prägen. Es stellt sich daher die Frage, ob nicht ein über das übliche Prozedere nach dem Baugesetzbuch hinausgehende Beteiligungsverfahren angebracht wäre. Wurden also Möglichkeiten der Beteiligung der Bürger*innen über das üblich hinaus geschaffen? Und wie wird in dem weiteren Prozess Bürger*innenbeteiligung möglich sein? Welche Gestaltungsspielräume gibt es noch?

Wie können die aktuellen Planungen für Essen 51 mit dem Anspruch, Grüne Hauptstadt Europas zu sein, zusammen gebracht werden? Der Masterplan lässt ja keine Rückschlüsse auf innovative ökologische oder soziale Projekte zu. Es erscheint, dass hier eine Chance vertan wurde, im Rahmen der Grünen Hauptstadt ein Vorzeigeprojekt zu entwickeln und umzusetzen. Damit schließt die nächste Frage an: Ist die Programmatik der Grünen Hauptstadt Essen 2017 für die EWG und das Stadtamt 61 nicht handlungsleitend?

Wie schätzen Sie, Herr Düdden und Herr Best, die Bewertung des Projektes Essen 51 in, sagen wir mal 51 Jahren, ein? Mit Blick auf die vorher gegangenen Fragen: Wurden explizit no-reget-Lösungen angestrebt?

Die städtische Kommunikation zu der Projektentwicklung erfolgt über die Essener Wirtschaftsförderung. Damit kommt die Frage auf, ob es nicht eher um die Entwicklung eines Investitionsprojektes geht und weniger um die Entwicklung einer Brachfläche mit hohen Stellenwert für die Stadtentwicklung. Damit werden Gestaltungsmöglichkeiten aus der Hand gegeben und nochmals eine Chance vertan, nämlich den städtischen Raum aktiv zu gestalten. Stattdessen wird Stadt zur Spekulation freigegeben.

Habt Ihr noch Fragen an das Projekt? Fragen, die Ihr bis zum 30. Oktober 2016 als Kommentar unten rein schreibt, schicke ich mit den oben genannten Fragen an Herrn Düdden und Herrn Best.

3 Gedanken zu „Essen 51 – ein neuer Stadtteil für Investoren“

  1. Grundsätzlich muss doch erst einmal in der Stadt die marode Kanalisation geklärt werden, bevor man neue Stadtteile entwickelt. ICh kenne kaum eine Grossstadt in Deutschland indem die Kanalsituation so erschreckend ist wie in Deutschland.

  2. Wer sind denn die Investoren. Welche Investoren haben im Wahlkampf wen und wie unterstützt. Welche Investoren haben in anderen Städten schon rechtliche Schwierigkeiten gehabt? Werden die Gelände national ausgeschrieben. Wem gehören die Grundstücke. Die Antworten sollten mal recherchiert werden. Insider werden die Informationen wenig überraschen.

    1. Hallo Lothar Pues,
      meines Wissens nach hat die Thelen-Gruppe das Gelände von Thyssen-Krupp gekauft. Aber auch wenn ein anderes Unternehmen das Gelände gekauft hätte, fände ich es kritisch. Das Ergebnis beleibt das gleiche: Stadtteil in privater Hand. Damit kann der Investor die Nutzung bestimmen und die Stadt hat wenige Möglichkeiten Einfluss zu nehmen, insbesondere mit Blick auf Auswirkungen auf die gesamte Stadt.
      Bei Filzdecke Ruhr habe ich nichts zur Thelen-Gruppe gefunden. Da müsste man wohl tiefer bohren 😉
      Viele Grüße,
      Friederike

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