„Ihr habt ja Recht“, aber das ist uns (noch) egal

Gestern waren Friederike und ich bei einer Veranstaltung zur Vorbereitung der Grünen Hauptstadt Europas Essen 2017. Nicht gewöhnlich für eine Grüne Hauptstadt Europas ist sicherlich der Essener Ansatz der Ideenbörsen – insgesamt werden 115 von 262 eingereichten Projekten von der Stadt Essen mit durchschnittlich 1.356 EUR gefördert. Und im Herbst wird es noch eine zweite solche Börse für Ideen der Essener Bürger geben. Bei der Veranstaltung ging es vor allem um organisatorische und rechtliche Dinge für jene Projektideen, die jeweils mit mehr als 1.000 EUR und bis zu 5.000 EUR gefördert werden. Seitens der Stadt hat man sich zu dem Prozedere sehr genaue Gedanken gemacht, dennoch kann man sich auch eine andere Herangehensweise vorstellen (mehr daghe-essen-2017--grossveranstaltungenzu in einem weiteren Beitrag). Auch gab es schon einen ersten exklusiven Einblick in Veranstaltungen, welche die Stadt Essen für das
Hauptstadtjahr selbst plant (Stichworte: Kindel, Kulturhauptstadt, im Juli).

Bei einem Punkt sind wir – und scheinbar nur wir – allerdings hängengeblieben: auf einer einleitenden Folie stand etwas vom Ziel des ökologischen und zugleich wirtschaftlichen Wachstums – das steht so auch im Sustainable Development Goal No. 8 der Vereinten Nationen oder bei Zielen der Bundesregierung. Nun frage ich mich allerdings, wieso das da steht. Wie kam es dahin? Hat man es einfach irgendwo abgeschrieben? Hat man darüber diskutiert, ob es so oder anders oder gar nicht formuliert sein soll? Sind die Autoren selbst davon überzeugt oder wollten sie nur jemanden mit ins Boot holen? Wenn ja, wen? Den Rat der Stadt Essen, die hiesigen Konzerne, die Gutachter und Mitglieder der Jury, die Europäische Kommission? Hat man vielleicht schlicht unbedacht den Status Quo übernommen? Oder hat man womöglich sogar darüber nachgedacht? Etwa, das mit dem Wachstum einfach wegzulassen? Stattdessen etwas von gutem Leben für alle zu schreiben? Man müsste ja noch nicht einmal von Wachstumskritik oder gar von Degrowth sprechen. (Wäre dies, also den Begriff Wachstum bewusst zu vermeiden, einfach wegzulassen, schon Wachstumskritik?) Oder glaubt man tatsächlich noch an Wachstum?

Ich denke, die letzte Frage können wir schon mal mit einem Nein beantworten: denn, während man mit Mikrofon noch auswich, bekamen wir im Nachgang die Antwort: „Ihr habt ja Recht“. Dies und auch die Tatsache, dass man zwei unserer vorgeschlagenen Veranstaltungen fördern wird, die bereits im Titel Kritik enthalten, zeigen, dass Kritik zumindest nicht unterbunden wird. Ob man sich seitens der Stadt Essen allerdings auf eine Diskussion einlässt, bleibt abzuwarten …

Übrigens: aus dem Publikum kam dann noch die Frage, ob es eine Plattform zur Vernetzung der Projekte untereinander geben würde … das wäre, wenn man die Potentiale auch ab 2018 nutzen und die im Rahmen der Bewerbung um den Titel „Grüne Hauptstadt Europas“ gesteckten Ziele wirklich erreichen möchte, m.E. eine Grundvoraussetzung.

Ein Gedanke zu „„Ihr habt ja Recht“, aber das ist uns (noch) egal“

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