Räume für Träume // Träume für Räume

Einer unserer letzten Beiträge thematisierte die Raumsuche der Essener Wirtschaftsförderung. Das bei den Stadtlenker*innen weiterhin verfolgte Wirtschaftswachstum greift sich sprichwörtlich seinen Raum. Ansätze einer alternativen Wirtschaftsförderung, die Initiativen und Unternehmen ohne Wachstumszwang Raum bietet, existieren hingegen nicht; wohl aber solche Orte, an denen Alternativen für eine Große Transformation ausprobiert werden.

Spekulationen über Transformationen

Was bieten solche Orte? Räume für Träume aber auch Träume für Räume. Hä? Was? Also, der Reihe nach. Mit Träumen meine ich hier Visionen, Szenarien, Vorstellungen davon wie wir uns das Leben in Essen und in den Essener Quartieren zukünftig vorstellen. Ein Beispiel dafür ist das Buch „Spekulationen Transformationen. Überlegungen zur Zukunft von Deutschlands Städten und Regionen“, das kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. In diesem Band wird über die räumlichen Konsequenzen der bevorstehenden Transformationen spekuliert. Diese Spekulationen münden in drei sehr unterschiedlichen Szenarien, die in Erzählungen über Themenfeldern wie Stadt und Raum, Gesellschaft und Demographie, Wirtschaft und Politik oder Technologie, Energie und Mobilität dargestellt werden. Solche greifbaren Vorstellungen geben den Transformationen im Hier und Jetzt eine Richtung, indem sie Leitlinien vorgeben, Gestaltungsspielräume eröffnen und vor allen Dingen Menschen animieren für – oder auch gegen – eine konkrete Vision aktiv zu werden.

Keine Visionen für Essen

Das sind also die Träume für Räume. Gibt es so etwas in Essen denn nicht? Was ist denn mit der Strategie Essen 2030? Die ist aber doch recht unkonkret und zeichnet kein direktes Bild von Essen. Es bleibt bei Phrasen und abstrakten Beschreibungen sowie technischen Zielen. Essen wird doch für seine Umweltbemühungen nächstes Jahr von der EU zur Grünen Hauptstadt Europas gekürt. Steckt da vielleicht eine Vision des „grünen Essens“ dahinter? Doch auch hier sucht man solch eine fassbare Vorstellung vergebens. Stattdessen bleibt es bei meist zahlenförmig ausgedrückten Zielen: weniger CO2, mehr Radfahrer*innen, sauberere Flüsse, mehr Arbeitsplätze. Teil der Strategie Essen 2030 ist auch die Wissenschaftsstadt Essen oder der Masterplan Industrie, der „Flächen für Wachstum und Investitionen schaffen“ soll. Kraftvolle Bilder für die zukünftige Stadtgestalt sind hier nicht zu finden, hingegen scheint der Wachstumsgedanke mehr oder minder augenscheinlich Urheber der Strategien gewesen zu sein.

Urbane Interventionen als Raumtraum

Wie könnten wir denn zu Träumen für Räume ohne Wachstumszwang kommen? Durch Räume für Träume. Hierbei geht es um die Macht der Visionen im gelebten Raum. Die Vision wird, (an-) fassbar und (be-) greifbar und kann somit zum Motor einer neuen Transformation werden. Wie wird die Zukunft einer Postwachstumsstadt erlebbar? Ein Beispiel ist die urbane Intervention, die sich am ersten Juli-Samstag rund um den Eltingplatz in der Essener Nordstadt abspielte. Dort wurden einige Straßen für den Autoverkehr gesperrt, es gab ein Lastenrad zum Austesten, Musik schwebte über dem Platz, Speis und Trank wurden angeboten und zwischen grünen und blühenden Pflanzen luden verschiedene Sitzmöglichkeiten zum Verweilen und Plaudern ein. Die Intervention wurde von Studierenden der Uni Duisburg-Essen in Kooperation mit der Stadt Essen gestartet. Es stellt sich die Frage wer denn hier für wen geträumt hat, inwieweit also die Wünsche der Anwohner*innen bedacht wurden. Damit die Träume auch langfristig zu Gestaltungsräumen werden, müssen alle Beteiligten, also auch die Anwohnenden, den Traum teilen.

Mit einer Toolbox des Verkehrsclub Deutschland können die Anwohner*innen ihre Straße in Form kleiner urbaner Interventionen mittels Blumensamen, Aufklebern und Sprühschablonen (von den Autos) zurückerobern. Weitere Ideen, wie wir die Orte unseres Alltags verändern können und somit Räume für Träume schaffen, findet ihr auch in Friederikes Blogbeitrag. Die dort genannte Villa RÜ in Rüttenscheid bildet einen Ort, an dem viele Menschen eine konkrete Utopie, die die Zukunft vorwegnimmt, gestalten. Nur schade, dass die Essener Wirtschaftsförderung und die Essener Stadtpolitik sich dafür nicht interessiert, damit mehr Räume für Träume und Träume für Räume entstehen. Aber vielleicht wollt ihr uns eure Visionen für ein Postwachstum-Essen schildern/malen/…?

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