Wir suchen Räume für Eure Ideen

Eine zentrale Aufgabe der Wirtschaftsförderung ist die Identifikation und Vermittlung von Räumen für Industrie, Handel und Verwaltung. In Essen übernimmt dies die EWG. In einer Erhebung wurde beispielsweise die genutzte und verfügbare Bürofläche in Essen dokumentiert. Auch für Gewerbe, Startups und Technologiestandorte werden Informationen zu Verfügung gestellt und Gespräche angeboten. Der Regionalverband Ruhr hat zudem einen „digitalen Flächenatlas RuhrAGIS und die Gewerbeimmobilien-Datenbank ruhrsite“ aufgebaut, um so das Ruhrgebiet als Wirtschaftsraum zu stärken.

Es wird also viel Aufwand betrieben, um Unternehmen, die sich ansiedeln wollen entsprechende Flächen und Räume anzubieten oder hiesigen Unternehmen die Vergrößerung zu ermöglichen. Ziel ist es dabei, die Wirtschaftskraft zu vergrößern und weiter zu wachsen…

Aber auch für das Wirtschaften ohne Wachstumszwang spielen Flächen und Räume eine zentrale Rolle. Es braucht Orte, in denen gemeinsam etwas ausprobiert und diskutiert werden kann, wo repariert werden kann (Repaircafés), wo sich geldfreie Räume ergeben. Wo aber auch Dienstleistungen angeboten und Produkte hergestellt werden, die es für ein gutes Zusammenleben braucht. Welche Räume können dafür aber genutzt werden, wenn kein Gewinn für Miete erzielt werden will?

Für Startups im Bereich E-Commerce gibt es in Essen einen Ort: Am Isenbergplatz sollen Unternehmensentwicklungen unterstützt werden. Je nach Gewinn wird dann Miete erhoben, die zum weiteren Ausbau der „Keimzelle“ eingesetzt werden soll. An sich eine gute Idee, aber auch hier schwingt die Wachstumslogik mit: Onlinehandel war in den letzten Jahren ein stark wachsender Wirtschaftsbereich. Eine ähnliche Förderung findet sich mit den Atelier-Häusern im KreativQuartier City Nord.Essen. Künstler*innen können hier günstig Atelierräume mieten. Die Stadt stellt die Räume zur Verfügung und erhofft sich damit eine Quartiersaufwertung.

Es gibt auch Räume, in denen gemeinsames Arbeiten – Co-Working – möglich ist. Das UnPerfekthaus in Essen oder das Colabor in Köln mit dem Untertitel „Raum für Nachhaltigkeit“ sind Beispiele dafür. Allerdings sind diese Angebote eher klassische Dienstleistungen, indem ein Arbeitsplatz ver-/gemietet wird. Es handelt sich also kaum um selbstorganisierte Räume, deren Nutzungskosten sich an Nebenkosten oder ähnlichem orientieren.

Wenn nun aber die Wirtschaftsförderung nicht Räume für Unternehmen suchen würde, die Gewinne erzielen, sondern Flächen für Solidarische Landwirtschaften findet, wenn sie nicht nur Flächen für Logistikunternehmen entwickelt, sondern auch Räume für kooperatives Arbeiten und Erfinden bewirbt, dann würde hier in Essen eine andere Form des Wirtschaftens Realität. Wirtschaften, welches auf Gemeinsamkeit, Langlebigkeit und gutes Leben setzte. Grün und Gruga hat zusammen mit der Stadtverwaltung gezeigt, dass es zumindest teilweise bereits jetzt in Essen möglich ist: Für die Transition Town Initiative wurden verschiedene Flächen zur Verfügung gestellt und durch Mutterboden oder Hochbeete die Gestaltung der Gärten unterstützt.

Habt Ihr Ideen für ein Wirtschaften ohne Wachstumszwang – Ideen, die Raum brauchen, aber noch keinen haben? Wenn ein paar Ideen zusammen kommen, können wir ja mal bei der EWG anfragen …

6 Gedanken zu „Wir suchen Räume für Eure Ideen“

  1. Hey, spannendes Thema. Ich habe dazu keine konkreten Raum-Ideen, aber einige Anmerkungen, die vielleicht zum Weiterdenken anregen:
    Mir scheint hier einerseits notwendig, zu überlegen, welche Räume es braucht. Meine Steckdose, mein Internetanschluss, mein Wasserhahn samt eigener Kaffeemaschine und Klo, das scheinen mir Voraussetzungen eines physisch eindeutig definierten Raums zu sein, den zu suchen die EWG als ihre eigene Dienstleistung betrachtet. Können wir uns von diesem Raumkonzept lösen? Klar braucht der Umsonstladen Platz für seine Ware, die solidarische Landwirtschaft einen Boden für ihre Möhren, das Repaircafé einen Ort für Werkzeug, usw. Aber sind nicht viele Orte des Ausprobierens eher virtuelle Netzwerke und nicht mehr unbedingt an den einen physischen Ort gebunden bzw. analytisch die Unterteilung in räumlich-fixe und räumlich-flexible Ideen? Bräuchte es vielleicht so etwas wie einen Raum-Pool für flexibles Hin und Her bei Ideen und beweglichen Wirtschaftsobjekten, z. B. für die Erstellung von digitalen Tauschbörsen, physischen Treffen von Kooperativen oder dem sicheren Abstellen von Lastenrädern? Und wenn wir uns auf diese Pool-Idee einlassen: Reden wir nicht auch implizit über Raum-Märkte, in denen die Nachfrage nach Raum an bestimmten Orten (Stadtmitte) zu bestimmten Tages- und Wochenzeiten unterschiedlich ist?
    Die andere Idee betrifft Akteure mit Räumen, die nicht gewinnorientiert arbeiten und sozusagen hintenrum wieder die Vergesellschaftung von Räumen bieten können: Was ist denn mit den Organisateuren von Gemeinwesen- und Sozialer Arbeit, den Wohlfahrtsverbänden und Kirchen? Und da Ihr mit Eurer Initiative das Wissen im Namen tragt: was ist mit der Volkshochschule und den Universitäten? In wie weit sind die „Verbündete“ für emanzipatorische, kreative und kooperative Prozesse?

    1. Hallo Andreas,
      danke dir für den Kommentar. Solch eine Pool-Idee finde ich gut und wäre sicher ein Ansatz, um das mal auszuprobieren. Zwei Einwände habe ich allerdings: hier in Essen ist der „Pool“ an Räumen oder auch Möglichkeiten sicher noch sehr klein. In meiner Wahrnehmung gibt es nicht viele Orte, an denen ganz ohne Wachstumszwang Räume und Dinge genutzt werden können. Von Ideen ganz zu schweigen – zu meist müssen sie in irgendeiner Form unseren Lebensunterhalt sichern….
      Dabei wird mein zweiter Einwand, der auf die Frage nach den „Raum-Märkten“ zielt, absehbar. Zeitlich versetzte Nutzung, deren Koordination und Vertrauensschaffende Aktivitäten dazu ist sicher gut. Wird das „Markt-Moment“ dominant, kommen wir sicher auch schnell zu Bewertungen, wie „1a-Lage“ oder ähnliches aus der Immobilienwirtschaft – mit der Folge, dass Raum zum Spekulationsobjekt wird. Aber vielleicht sehe ich das auch zu kritisch?
      Ich glaube, es braucht viel mehr Räume, die frei genutzt werden können, bevor ein „Raum-Pool“ seine Wirkung entfalten könnten.
      Die Räume von Verbänden und so wäre da sicher ein erster Anknüpfungspunkt. Aber eine Nutzungskonkurrenz zu Angeboten der AWO, etc. sollte auch nicht entstehen.
      Viele Grüße,
      Friederike

  2. Lieber Andreas!
    Liebe Friederike!

    Ich finde die Ideen auch gut, allerdings würde ich nicht so stark trennen.

    Die EWG und auch Allbau ebenso wie private Unternehmen können doch durchaus erkennen, dass das kostenlose oder vergünstigte Überlassen eines Raumes an einen nicht auf Wachstum ausgerichteten Nutzer einen positiven Mehrwert für das Quartier, den Stadtteil haben kann.

    Egal, ob EWG & Co. oder die Ohne-Wachstums-Leute, – die Raumbörse kann doch alle Typen von Räumen enthalten, d.h. es wird nicht nur abgefragt, ob Internet und Klo vorhanden sind, sondern auch, ob es für Post-Wachstum vielleicht besondere Konditionen gibt (hat nicht in Berlin oder Hamburg neulich jemand Top-Wohnungen für nen kleinen Taler angeboten?), ob man sich den Raum mit anderen stunden-/tageweise teilen kann. Denn, wie Du, Andreas, schreibst, braucht es für die Umsetzung gewisser Ideen einen physischen Raum. Für andere Ideen, gibt es dann mobile Lösungen: zum Beispiel die Gruppe Stadtteilnetzwerk mit dem Transition-Town-Ideenmobil oder unsere Mobile Fahrradwerkstatt in spe.

    Das flexible Überlassen/Nutzen stelle ich mir außerdem sehr schwierig vor – denn irgendwann wird jemand auf den Gedanken kommen, irgendetwas „nur bis nächstes Woche unterstellen“ zu wollen, oder der harte Kern wird sich darüber streiten, wie „alle anderen den Putzplan einzuhalten haben“. Es müssen sich m.E. also Gruppen zusammenfinden, die auch miteinander können. Oder es muss Dienstleistungsangebote geben, die man bereits von Co-Working-Spaces kennt.

    „Vergesellschaftung von Räumen“ gefällt mir sehr gut. Denn wir verlernen teilweise, nachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen. M.E. braucht es daher nicht (nur) neue Internet-Plattform, wie nebenan.de, sondern eben Räume für alle. Und wie Du, Friederike, in Deinem aktuellen Beitrag schreibst, gibt es diese ja bereits – Du hast aber bislang eher die neuen, die unkonventionellen aufgeführt. Aber was ist denn mit Gemeindezentren, Jugendzentren, Alternativen Zentren, Bibliotheken etc., die womöglich ihre Ausrichtung, ihre Praxis ändern wollen. Aber vielleicht reicht der Dorfplatz schon aus …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.