Living on the Edge?

There’s somethin‘ wrong with the world today
I don’t know what it is

Das sind die ersten Zeilen des Liedes „Living on the Edge“ von Aerosmith. Ich denke, wir wissen mittlerweile sehr wohl, was falsch läuft. Es ist zum Beispiel rassistische (Polizei)gewalt, die kurz vor Entstehen des Liedes Anlass für die Unruhen in L.A. 1992 war. Es ist aber viel mehr: in der ersten Aprilhälfte 2016 demonstrierten

a broad coalition of organizations representing the labor, peace, environmental, student, racial justice, civil rights and money in politics reform movements

(Democracy Awakening) gegen Unrecht im US-amerikanischen Wahlrecht und den Einfluss des großen Geldes (s.a. Democracy Spring).

Zeitgleich, aber ganz und gar nicht derart organisiert, treffen sich in Paris und mittlerweile in weiteren Städten Europas und der Welt die Aufrechten der Nacht (nuit debout). Der Anlass zum Protest ist in etwa der gleiche, wenn auch die Form sich stark unterscheidet. Das sind nur zwei aktuelle Beispiele, dass die Menschen sehr wohl wissen, was nicht stimmt; die Liste von Protesten ließe sich noch erweitern. Und man kann auch darüber diskutieren, ob das nun „Landnahme“ für „eine Demokratie-Party“ oder gar die von Stéphane Hessel eingeforderte Empörung.

Neben dem Protest, den ich für wichtig erachte, sehe ich unzählige Initiativen, die versuchen, mit ihren Ressourcen – überwiegend ehrenamtlich – etwas an dem zu ändern, was falsch läuft, und die den Wandel somit aktiv herbeiführen: sie nutzen Güter gemeinsam, sie pflanzen ihre Nahrungsmittel selbst an oder wirtschaften solidarisch, sie reparieren und lassen flicken, sie spenden ihre Kleider und Möbel sowie ihre Zeit für Deutschunterricht oder gemeinsames Kochen.

Parallel höre und lese ich allerdings auch immer mehr von Startups, also jungen Unternehmen, „die sich in der ersten Phase des Lebenszyklus“ auf der „Suche nach ‚the next big thing'“ befinden. Allerdings haben

Startups […] im besten Fall ein überdurchschnittlich großes Potential zu wachsen – und das weitaus mehr, als der Bäcker an der Ecke

(gruenderszene.de). Es geht also immer noch um das große Geld. In dieser Szene könnte das Eingangszitat von Steven Tyler & Co. allerdings wieder passen, denn es scheint eine Ahnung sich zu verbreiten, dass man vielleicht Corporate Social Responsibility von Beginn an in das Geschäftsmodell integrieren oder gleich direkt einen Social Impact auslösen sollte. Viele Startups machen sich sicherlich Gedanken dazu und es entsteht auch viel Schönes und Gutes. Es gibt aber auch viele Beispiele, die auf Verbesserungen hoffen lassen.

Ich denke, dass wir mit Uber und Foodora nicht weiterkommen. Wir prangern Tierfabriken an, kaufen aber im Discounter zu Tiefstpreisen. Wir gehen auf Anti-Monsanto-Demos und kaufen unsere Nahrungsmittel von irgendeinem Großbauern, der, um zu überleben, scheinbar gar keine Alternative hat. Wir kaufen unsere Möbel bei IKEA und schimpfen auf Konzerne, die Heere von Steuerschlupflochanwälten beschäftigen. Meiner Meinung nach brauchen wir also vielleicht doch wieder den Bäcker um die Ecke, der sein Mehl und Weizen vom Müller und Landwirt vor den Toren der Stadt einkauft. Damit der Kunde auch sehen kann, wo und wie sein Essen gemacht wird. Wir brauchen keine unterbezahlten Lagerarbeiter, sondern wieder Schreiner, die Möbel herstellen, die auch einen Umzug überleben. Designer, die Möbel und andere Gebrauchsgegenstände entwerfen, die man nicht nur mit möglichst wenig Luft verpacken, sondern auch wieder auseinander und neu zusammenbauen kann – gerne auch als Startup, das die Idee schnell skaliert.

Ziele bei diesem Wirtschaften sollen aber nicht die Ausschlachtung jeglicher möglichen Idee und das große Geld sein, sondern die Verbreitung und Weiterentwicklung der guten Ideen sowie ein angemessener Lohn, von dem man sich dann auch die guten Nahrungsmittel leisten kann. Dazu bedarf es meines Erachtens einer passenden Wirtschaftsförderung, einer Wirtschaftsförderung für das Gute Leben oder – ein wenig wissenschaftlicher – für die Große Transformation.

2 Gedanken zu „Living on the Edge?“

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