Unsere Nachfrage bestimmt, was es zu essen gibt

Jan Willmroth ist Journalist bei der Süddeutschen Zeitung. In einem Essay schreibt er: Wir haben keine Ahnung, was wir essen.

Je weniger […] ein Konsument weiß, je weniger er bereit ist, sich mit diesen Folgen auseinanderzusetzen, desto weniger kann er sie beeinflussen. Ein schlecht informierter Kunde ist leichter auszunutzen […], neigt eher zu einem Verhalten, das er selbst unmoralisch findet. […] Wenn fast ausschließlich der Preis das entscheidende Kriterium für einen Kauf ist, nicht aber die objektive Qualität etwa einer Tomate, eines Stücks Fleisch oder eines Apfels, wird die Gleichförmigkeit frischer Lebensmittel befördert.

Dazu schreibt er zuvor exemplarisch über der Deutschen liebste Knolle:

Es mag mehr als 5000 Kartoffelsorten geben, in deutschen Supermärkten stehen regelmäßig nur fünf.

Weiter führt er aus:

Das Bekenntnis zum verantwortungsvollen Konsum ist nicht abhängig von der Frage nach dem Kontostand; es hängt ab vom kulinarischen Wissen und der Bereitschaft, es anzuwenden. Frei nach dem Moralphilosophen David Gauthier: Ein Mensch kann nur dann den Vorteil moralischen Handelns erkennen, wenn er auch die „Problemstruktur seiner Entscheidung“ kennt. In diesem Fall: Wenn er also mehr weiß über die Folgen seines Einkaufs.

Ich kann von mir behaupten, dass ich dem hier beschriebenen Konsumenten entspreche, dass ich eine der fünf Kartoffeln kaufe, dass ich weiß, dass mein Geflügelfleisch immer das gleiche ist. Und ich bin mir bewusst, dass das moralisch falsch ist.

Als Wirtschaftsingenieur mit der Fachrichtung Produktion und Logistik bin ich mir auch über darüber klar, dass

[w]as einst eine Kreislaufwirtschaft auf Farmen war, […] heute eine weltweite industrielle Wertschöpfungskette, mit allen bekannten negativen Folgen für Böden, Wasser, den Tierschutz und das Klima [ist]. Wenige Konzerne kontrollieren große Teile dieser Wertschöpfungskette.

Willmroth selbst meint:

Man wird diese Entwicklung nicht zurückdrehen können. […] Was sich aber ändern kann, ja, ändern muss, ist das Bewusstsein um die eigene Verantwortung als Konsument. Das bedeutet keineswegs, dass ein jeder Vegetarier werden sollte und nur noch beim Bio-Bauern einkaufen darf, um die Welt zu retten. Es bedeutet aber, ein Stück der Souveränität zurückzugewinnen, die Konsumenten in der Theorie haben: Ihre Nachfrage bestimmt, was es zu kaufen gibt.

Wie zuvor geschrieben, bin ich mir durchaus über all das bewusst. Das mag vielleicht nicht bei jedem Mitmenschen der Fall sein. Wenn man sich jedoch vor Augen führt, wie viele Reportagen es über geschredderte Küken und gestopfte Gänse oder Gewächshausstädte in Spanien und Westafrika gibt, vermute ich den Anteil an der Bevölkerung kleiner als der Autor.

Wie dem auch sei, über den Punkt Wissen sind wir uns schon mal einig.

Bezüglich des Schaffens schlägt Willmroth vor, „ein Stück Souveränität zurückzugewinnen“. Man müsse dazu aber nicht beim „Bio-Bauern einkaufen“. Was soll man denn dann machen? Soll dann etwa jeder eine andere der fünf Kartoffelsorten kaufen? Soll man recherchieren, welches Huhn aus einer anderen der 24 Brutlinien kommt? Ändern würde sich dadurch nichts. Nun, wo wir wissen, dass wir im Supermarkt ausgenutzt werden, müssen wir wieder bewusst dort einkaufen, wo wir eben echte Vielfalt und wirklich gute Qualität bekommen. Und wenn es diese Orte und Angebote nicht mehr gibt, müssen wir sie wieder schaffen. Wir müssen das nicht nur für uns machen, sondern auch für jene, die sich nicht bewusst mit diesen Themen beschäftigen. Wir müssen eine Wirtschaft gestalten, in der man auch tatsächlich eine Wahl hat, d.h. im eigenen Viertel und im Alltag. Wir brauchen mehr Bäcker, wie die Familie Peter in Essen. Wir brauchen mehr Solidarische Landwirte und Ernteteiler, wie etwa in Dortmund oder in Gelsenkirchen. Wir brauchen Lebensmittelretter und Mundräuber. Wir müssen Nahrungsmittelversammlungen und -speichern beitreten.

Bei der letztgenannten Initiative, dem Food Tank, wären wir auch wieder am Anfang – beim Wissen. Solange das moralisch nicht verwerfliche Angebot nicht alltäglich ist, muss es aufbereitet und verbreitet werden, so dass ein Journalist, wie Willmroth, auch konkrete Angebote in seinen Essay integrieren kann und die bereits Aktiven weiter Mitstreiter finden und sich neue Geschäftsmodelle und Unternehmen etablieren können. Ich denke, damit schaffen wir schließlich auch den Wandel.

Ich nenne ein solches zentrales Angebot: Clearing House. In den nächsten Wochen und Monaten werde ich diese Idee weiter ausformulieren und an dieser Stelle zur Diskussion stellen. In der Zwischenzeit werde ich Mitglied der Solidarischen Landwirtschaft Gelsenkirchen werden und mein Brot regelmäßig bei Bäcker Peter kaufen.

Ein Gedanke zu „Unsere Nachfrage bestimmt, was es zu essen gibt“

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